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Charttechnischer Handel an der Forex

In einem anderen Beitrag gehen wir darauf ein, dass Forexpaare aus fundamentaler Sicht nur schwer zu handeln sind, weil zu viele makroökonomische Einflüsse auf die Kurse wirken. Diese Aussage fassen wir noch einmal kurz zusammen, um damit zu begründen, warum zum charttechnischen Handel zu raten ist.

Charttechnischer Handel

Fundamentale Gründe für Währungsschwankungen – praktisch nicht erkennbar

Es gibt natürlich fundamentale, nämlich makroökonomische Gründe für Währungsschwankungen, doch der private Trader durchschaut sie praktisch nicht. Einzelne Einflüsse sind unter anderem die Konjunktur, die Arbeitslosenstatistik, die Zinspolitik von Zentralbanken und die Handelstätigkeit. Auch beeinflussen sich Währungskurse in Dreieck- und Vieleckkonstellationen. Sollte der Kurs EUR/GBP steigen, könnte das Einfluss auf den Kurs GBP/USD und EUR/USD nehmen. Im Tagesgeschehen beeinflussen einzelne Nachrichten und Gerüchte den Kurs, deren Bedeutung oft nur schwer einzuschätzen ist. Es gibt dennoch Trader, die sich daran orientieren, aber das ist ein Vollzeitjob und dennoch nicht unbedingt erfolgsträchtig. Solche Überlegungen gibt es in Bezug auf Aktien, Indizes und Rohstoffe auch, aber an der Forex sind sie besonders wichtig. Schon in anderen Beiträgen wiesen wir darauf hin, dass die Kursentwicklung einer Aktie durchaus nachvollziehbare Gründe hat. Der Aktienkurs eines blühenden Unternehmens sollte durchaus steigen. Wenn die OPEC den Ölhahn aufdreht, sollte der Ölpreis fallen. Wenn im Winter viel mehr Heizöl gebraucht wird, kann er allein deswegen steigen. Wenn die Indizes schwächeln, steigt oft das Gold als sicherer Hafen im Kurs. Nur an der Forex sind solche Zusammenhänge, auch wenn es sie gibt, nur sehr schwer auszumachen und noch viel schwerer in ihrer Komplexität zu erfassen. So können eine Leitzins- und eine Konjunkturveränderung gegenteilige Einflüsse auf den Währungskurs haben, die sich aufheben können, aber nicht müssen – je nachdem, für wie bedeutsam sie das Gros der Anleger hält. Vielleicht ist es hilfreich, an dieser Stelle das fundamentale und das rein charttechnisch begründete Trading noch einmal generell gegenüberzustellen.

Fundamentales vs. charttechnisches Trading

Fundamental orientierte Trader – meistens Positionstrader auf Aktien und Rohstoffe – erforschen, aus welchen Gründen ein Papier langfristig im Kurs steigen könnte. Die erfolgreichsten Spekulanten dieser Welt, nämlich Warren Buffett und George Soros, gehen so vor. Sie betrachten viele fundamentale Kennzahlen einer Aktie, darunter das Kurs-Gewinn- und das Kurs-Buchwert-Verhältnis (es gibt noch einige mehr), schauen sich das generelle Geschäftsmodell an und entscheiden dann, langfristig einzusteigen. Auch solche Spekulanten irren sich manchmal. George Soros etwa, der ein liberaler Feingeist ist und bei Karl Popper Philosophie studierte, wettete nach dem Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump im Jahr 2017 mit Put-Optionen auf fallende Kurse der US-Indizes. Soros, der immerhin ein ganz alter Börsenhase ist (Jahrgang 1930), ist in intellektueller und politische Hinsicht das Gegenteil von Donald Trump (Jahrgang 1946). Er ist äußerst gebildet, steht politisch eher links und unterstützt Demokratiebewegungen. In seiner ungarischen Heimat ließ er eine Universität gründen. Er muss Trump wegen dessen Grobschlächtigkeit sehr verachten und konnte sich nach dessen Wahlsieg nichts anderes vorstellen, als dass die Wirtschaft zusammenbrechen würde. Doch Soros irrte: Die Indizes stiegen nach Trumps Amtsantritt unbeirrt weiter (und steigen immer noch trotz Corona-Krise und des Missmanagements von Trump in dieser Krise – Stand Juni 2020), weil die Anleger dem Milliardär Trump den richtigen wirtschaftlichen Instinkt zutrauen. In der Tat beförderte dieser das Wirtschaftswachstum mit Steuersenkungen für Unternehmen. Auch seine viel gescholtene Handelspolitik mit massiven Strafzöllen gegen China und sogar die EU schadete der US-Wirtschaft offenkundig nicht. Damit soll gesagt sein: Trump-Bashing hin oder her, wetten sollte niemand gegen den amtierenden US-Präsidenten. Damit ist sogar ein ganz alter Hase wie George Soros auf die Nase gefallen, denn er verlor mit seinen Put-Optionen auf den Dow Jones, den S&P500 und den Nasdaq rund eine Milliarde Dollar. Abgesehen davon war aber Soros zeitlebens als Spekulant sehr erfolgreich, ist vielfacher Milliardär und einer der reichsten Menschen der Welt. Das belegt: Fundamentales Trading kann sehr gut funktionieren. Von einem rein charttechnisch orientierten Trader, der Milliardär geworden wäre, haben wir bislang noch nichts gehört. Warum raten wir dennoch an der Forex zu einem charttechnischen Ansatz bzw. was ist dieser überhaupt? Nun, die Charttechniker behaupten, dass die fundamentalen Basics in den Kursen eingepreist sind. Deren Entwicklung repräsentiert quasi die Schwarmintelligenz aller Anleger. Das stimmt zumindest Teilen. Es ist nicht immer nachvollziehbar, denn wenn wir uns die Börsennachrichten in der Tagesschau anschauen, vorgetragen von Anja Kohl und Markus Gürne, stellen wir fest, dass manchmal die Kurse aufgrund guter Quartalszahlen gestiegen, ein anderes Mal aber gefallen sind, weil die Anleger es schon vorher wussten, vorher investiert und nun die Gewinne mitgenommen haben. Wie jetzt? Gibt es einen fundamentalen Grund für die Kursentwicklung oder nicht? Wir empfehlen an dieser Stelle, solche Börsennachrichten als reines Infotainment zu betrachten (Unterhaltung auf der Basis von irgendwelchen Informationen). Ihr Informationswert tendiert gegen null. Doch zurück zur Charttechnik: Charttechniker behaupten zwei Dinge:

  • #1 Fundamentale Entwicklungen stecken im Chart. Es ist müßig, sie alle erforschen zu wollen. Das hat der Schwarm aller Anleger bereits erledigt.
  • #2 Es ist ohnehin nicht zu schaffen, alle Informationen zu sammeln und zu bewerten. Das muss unweigerlich zu Fehlschlüssen führen. George Soros hat einen solchen Fehlschluss in Bezug auf Trumps Amtsantritt grandios vorgeführt.

Daher betrachten es Charttechniker als deutlich effizienter, sich allein nach dem Chart zu richten und dessen Entwicklung um keinen Preis zu hinterfragen. Das ist sehr wichtig. Wir verweisen hier auf Fachliteratur unter anderem vom US-Trader Joe Ross. Dieser warnt davor, jemals eine Kursentwicklung prognostizieren zu wollen. Man solle dem Kurs folgen, nichts weiter. Das ist praktisch das Gegenteil von dem, was fundamental orientierte Trader machen. Für die Forex erscheint es aber besonders gut geeignet.

Wie findet charttechnischer Handel an der Forex statt?

Beim charttechnischen Handel an der Forex gehen wir nicht von längeren Trends, sondern grundsätzlich von Swings aus – auf jeden Fall dann, wenn wir Majors und wichtige Minors handeln. In einem anderen Beitrag erläutern wir, warum die Währungen von starken Volkswirtschaften gegeneinander keine langen Trends ausbilden – weil nicht die Euro-Wirtschaft gegen die US-Wirtschaft langfristig so weit schwächeln wird, dass der Euro gegen den Dollar immer schwächer werden muss (oder umgekehrt). Das passiert nicht mal beim britischen Pfund gegen den Euro, auch wenn der Brexit die britische Wirtschaft sehr belasten dürfte (Stand der Betrachtung: Juni 2020). Wir gehen also davon aus, dass der Kurs eine bestimmte Richtung einschlägt und dann unweigerlich wieder in die Gegenrichtung schwingt. Das passiert auf allen Zeitebenen. Daher ist die Wahl der Zeitebene der erste Schritt beim charttechnischen Trading an der Forex. Trader haben dabei in etwa diese Möglichkeiten:

  • Scalping im Sekunden- bis Minutenbereich
  • Daytrading
  • Positionstrading über wenige Tage

Einen längeren Zeithorizont empfehlen wir nicht. Es ist schon beim Positionstrading nur über wenige Tage zu beachten, dass an der Forex rund um die Uhr gehandelt wird und daher über Nacht Kursentwicklungen stattfinden können, auf die der Trader nicht reagieren kann (unter anderem, weil sein Broker keine Orders ausführt). Nach der Wahl des Zeithorizonts folgt die Wahl eines Kursmusters. Es gibt in etwa diese Möglichkeiten:

  • Der Kurs kann aus einer Range nach oben oder unten ausbrechen: Der Trader setzt Kaufstopps für eine Call-Position über der Range und eine Put-Position unter der Range.
  • Der Kurs hat intraday eine SKS-Formation (Schulter-Kopf-Schulter) vollendet: Der Trader setzt eine Put-Position unter die rechte Schulter. Bei der inversen SKS setzt er die Call-Position darüber.
  • Der Kurs bildet mit Minuten- oder Sekundenstäben (OHLCs oder Bars) innerhalb einer Range drei steigende oder drei fallende Stäbe in eine Richtung. Beim Über- oder Unterschreiten dieser Figuren kann der Trader mit Call oder Put einsteigen, wenn es diese Figur vorher in der Range nicht gab. Es ist möglicherweise eine Preisexplosion in diese Richtung zu erwarten.

Natürlich gibt es noch mehr Formationen. Trader sollten sich den Kurs des gewählten Forexpaares in der letzten Woche ansehen. Dabei ist der Volatilitätstrend zu beobachten: Bildet der Kurs überhaupt derzeit (dieser Tage) etwas weitergehende Trends aus? Oder schwankt er ständig in einer Range? Auch das lässt sich handeln: An den Rändern der Range können Kaufstopps für Call- und Put-Positionen für die beiden Szenarien Ausbruch aus der Range und Zurückkehren in die Range gesetzt werden. Zu beachten ist auch das Money- und Risikomanagement, worauf wir in einem gesonderten Beitrag eingehen.